celadon.Kulturnews                                                        01.03.00

Jud Süß bleibt unbequem

Interview mit der Bildhauerin Angela Laich

Vor knapp zwei Jahren wurde in der Stuttgarter City ein Platz nach Joseph Süß Oppenheimer benannt, jenem jüdischen Finanziers des Herzogs von Württemberg, der 1738 nach einem Komplott aus Antisemitismus und Sozialneid und einer fadenscheinigen Anklage hingerichtet worden war. In der Vergangenheit wurde seine Geschichte von verschiedenen Autoren, unter ihnen Lion Feuchtwanger, aus wechselnder Sicht erzählt. 1944 schließlich hat Nazi-Regisseur Veit Harlan das Schicksal von Joseph Süß Oppenheimer in dem antisemitischen Propagandaschinken Jud Süß verunglimpft.

260 Jahre später enthüllte anläßlich der Platzbenennung der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden Ignatz Bubis die Monumentalplastik Für Joseph Süß Oppenheimer . Der Stuttgarter OB Wolfgang Schuster (CDU) ließ die Skulptur der Berliner Künstlerin Angela Laich vergangene Woche kommentarlos aus dem Rathaus-Foyer entfernen. Celadon sprach mit der Bildhauerin und Graphikerin:

Celadon: Ihre Skulptur zeigt eine zwei Meter hohe, an den Füßen gefesselte Figur, die aus einem unbehauenen Marmorblock herausgearbeitet wurde. Wie reagierten Städtväter und Öffentlichkeit auf die Enthüllung?

Angela Laich: Außerordentlich positiv muß ich sagen. Und alle Redner, darunter auch der Oberbürgermeister Schuster, sprachen sich dafür aus, dass die Skulptur in der Stadt verbleibt.

Celadon: Sie hatten das Werk der Stadt Stuttgart zunächst als Leihgabe für einen befristeten Zeitraum zur Verfügung gestellt. War Ihnen ein späterer Kauf in Aussicht gestellt worden?

Angela Laich: Konkret wurde über einen Ankauf nicht gesprochen. Aber die Kulturstiftung, die die Skulptur nach Stuttgart geholt hatte, hatte nach dem Festakt den Eindruck, es würde darüber zu Verhandlungen kommen.

Celadon: Der Stuttgarter OB verweist nun auf leere Kassen.

Angela Laich: Deshalb habe ich ihn in einem Brief gebeten, sich um geeignete Sponsoren zu bemühen. In diesem Zusammenhang habe ich den Vorschlag gemacht, dass zum Beispiel acht Stuttgarter Banken aus ihrem Kulturfond mit jeweils 10.000 DM die Skulptur ankaufen könnten. Daraufhin schrieb mir der Stuttgarter OB zurück, die Skulptur wäre wunderbar und rege alle zum Nachdenken an, aber da die Stadt Stuttgart nicht die Absicht habe, das Stück dauerhaft zu erwerben, würde sich eine Anfrage bei potentiellen Sponsoren erübrigen.

Celadon: Über seine Pressesprecherin ließ er zudem verlauten, dass ein mit öffentlichen Geldern zu bezahlendes Denkmal eine Ausschreibung verlange.

Angela Laich: Das hieße ja, dass die öffentliche Hand nie aus einer Ausstellung heraus etwas aufkaufen dürfe.

Celadon: Nun waren Sie ja sogar bereit, die Skulptur der Stadt weiterhin als Leihgabe zu überlassen. Angela Laich: Ich hatte mich an die Leiterin des Kulturamtes, Frau Schleicher-Fahrion gewendet und sie gefragt, ob es irgendeinen städtischen Raum gibt, wo die Skulptur weiterhin gezeigt werden könne. Aber sie erklärte mir, dass sie an die Weisung des Oberbürgermeisters gebunden sei und da nichts tun könne. Also blockiert dieser Brief von Herrn OB Schuster an mich inzwischen jede denkbare Initiative.

Celadon: Wo kann man denn im Moment Ihre Skulptur betrachten?

Angela Laich: Momentan steht sie im Märkischen Künstlerhof in Brieselang. Es gibt ein großes Interesse an der Skulptur von seiten der Moses-Mendelsohn-Akademie in Halberstadt. Aber in ihren eigenen Räumen können sie die Skulptur nicht aufstellen, weil die Decken desFachwerkgebäudes das Gewicht nicht tragen. Deshalb hat man sich an die Bürgermeisterin gewendet, die sich interessiert gezeigt hat und nach Möglichkeiten sucht, die Skulptur in Halberstadt aufzustellen.

 

Autor: Das Interview führte Gerhard Haase

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